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Der andere Raum
06. März 2017 10:58
Ich stelle das einmal ins Lupoforum ein, weil es kein klassisches, astrologisches Thema ist. Möglicherweise kann der eine oder die andere nicht so viel damit anfangen. Es ist ein Thema, das mich seit längerer Zeit beschäftigt.

Vieles, was wir im Alltag tun, ist Routine, sind eingefahrene und einstudierte Muster, manchmal auch nur Reflexe. Mit dem, was wir mehr oder weniger instinktiv, ohne vorherige Überlegung tun, gestalten wir unser aktuelles Dasein in den unterschiedlichen Formen und gestalten damit auch mittelbar unser Schicksal, im positiven und im kritischen Sinne, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist.

Wir leben zumeist für eine angemessen lange Zeit in einem mehr oder weniger überschaubaren Lebensraum, in dem sich der Großteil unseres Daseins abspielt. Wir stehen morgens auf, oft in etwa um die gleiche Zeit. Körperpflege, Frühstück usw. Jeder hat da seine eigenen Rituale. Dann verlassen wir das Haus, gehen möglicherweise zur Arbeit und das meist auf demselben Weg usw.

Wir bewegen uns überwiegend in unseren bewährten Räumen und verhalten uns mehr oder weniger instinktiv und reflexiv darin, weichen meist nur dann einmal davon ab, wenn ein Sonderfall eintritt. Dann fliegen wir in den Urlaub, in andere Räume. Manche müssen häufiger Geschäftsreisen machen. Wir gestalten unseren Lebensraum und dieser gestaltet aber auch uns, die Umgebung, auf die wir da treffen prägt uns in der Aktualität unseres Daseins.

Wir bewegen uns tagaus, tagein in unserem mehr oder weniger selbstgewählten Raum und betreiben mit diesem im bildhaften Sinne Inzucht, bis wir eines Tages den Wohnort wechseln. Früherer Generationen taten das fast nie. Sie lebten vom Anfang bis zum Ende ihres Lebens mehr oder weniger im gleichen Lebensraum.

Veränderung, Mobilität, Zuwanderung Fremder, radikale Änderungen des eigenen Lebensraums führen zur Unruhe, zu Ängsten, manchmal zu Hoffnungen und dem Gefühl, das Hermann Hesse in seinem berühmtesten Gedicht zum Ausdruck brachte: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben....“

Ich ging jahrelang werktäglich morgens immer den gleichen Weg zur gleiche n Zeit. Mein Bus, der Startpunkt auf dem Weg zur Arbeit, fuhr drei Minuten vor sieben Uhr ab. Ich ging immer um dieselbe Zeit aus dem Haus und wählte denselben Weg zur Bushaltestelle. Nur, wenn ich Altglas wegbringen musste, nahm ich einen anderen Weg, der am öffentlichen Glascontainer vorbei führte und nahm dann die nächste Bushaltestelle auf der Strecke.

Ich verließ das Haus immer ein paar Minuten früher, ging an der Bushaltestelle vorbei zur Tankstelle, kaufte mir die Tageszeitung und einen Becher Kaffee, rauchte an der Haltestelle eine Zigarette, trank den Kaffee und blätterte die Zeitung grob durch, um die Artikel auszusuchen, die mich interessierten und die ich später im Bus und in der Bahn las.

Irgendwann beim Warten auf den Bus kam dann eine Frau Ende 50, Anfang 60 am unteren Ende der Straße um die Ecke gebogen auf die Bushaltestelle zu und passierte diese, vermutlich in Richtung ihres Arbeitsplatzes. Man konnte die Uhr danach stellen, wann sie um die Ecke bog und die Haltestelle passierte. Beinahe auf die Sekunde. Kam sie einmal nicht, dann war ich kurz irritiert, obwohl ich bewusst eigentlich nie darauf wartete.

Ich fragte mich, warum ich immer den einen Weg zur Haltestelle gehe, warum man dazu neigt, den kürzesten Weg von A zu B zu gehen. Ist der Weg zwischen A und B keine Lebenszeit oder gar eine minderwertigere als das Sein am Punkt A oder am Punkt B?
Ich änderte meinen Weg und nahm morgens einen Umweg über eine Parallelstraße, sodass ich von de anderen Seite zur Tankstelle kam. 200 Meter Umweg. Es kostete mich Kraft, diesen Umweg zu gehen, vergleichbar wenn man plötzlich ins Fitness-Studio geht und einem anfangs bewusst wird, dass die meisten Muskeln schwach oder erschlafft sind.

So banal und albern das klingen mag: Diese kleine Veränderung verlängerte und veränderte nicht nur meinen morgendlichen Weg, sondern bewegte auch etwas in meinem Bewusstsein. Auch hier veränderte sich etwas. Meine grundsätzliche Haltung des Tages änderte sich ein klein wenig.

Das meiste, was wir im Alltag tun, geschieht nicht bewusst, sondern wie durch Reflexe angestoßen.

Das gilt auch für unsere Gedanken.
Thema Autor Klicks Datum/Zeit
Der andere Raum Christian12 242 06. März 2017 10:58



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