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Das Wesen des Anderen
01. Januar 2017 15:02
Einst hatte ich einen Freund. Er ist Künstler, malt. Ich fand seine Art zu malen sehr interessant, ja anrührend.

Er malt Menschen; aber nicht ab, d.h. nicht genau so wie sie uns körperlich in Erscheinung treten.
Aber wir erkennen sie wieder. Und das, obwohl er zuweilen diese Menschen mit etwas anderen Gesichtszügen malt,
sodass wir sie formal eigentlich nicht identifizieren könnten. Aber wir wissen genau, wen er malte.

Oft waren es Menschen, denen er im Alltag begegnete oder Menschen aus seinem persönlichen Umfeld.
Mich hat er auch zweimal gemalt. Dabei sitze ich als etwa 30-Jähriger mit ihm zusammen auf einer Bank und wir diskutieren,
unterhalten uns, so wie wir beide es oft getan hatten. Wir plauderten damals viel über Gott und die Welt.

Mir gefällt dieses Bild, auch wenn es mich ein wenig peinlich berühren müsste, was es auch tut.

Das Typische an seiner damaligen Malerei war es nach meinem Eindruck, dass er irgendetwas höchst Intimes des Anderen
in den Vordergrund rückte, etwas, das im Kern das Wesen des anderen auszeichnet oder prägt, was aber der Einzelne
versucht zu verbergen.

Es war aber nichts körperlich Intimes, sondern meist irgendetwas am Wesen oder Charakter des anderen.
Er benutzte dafür das Stilmittel der Übertreibung bzw. der Überzeichnung.

Sinnbildlich auf die körperliche Ebene übertragen, kann man sich das so vorstellen als wenn jemand ein kleines Muttermal
unter den Lippen hätte, was jedem sofort auffällt, der diesen Menschen sieht und das diesem Menschen ein wenig peinlich ist
(möglicherweise aus ästhetischen Gründen) und der Künstler dieses Muttermal dreimal so groß malt als es tatsächlich ist,
sodass im Bild die Scham und peinliche Berührtheit dieses Menschen überzeichnet und in den Vordergrund gerückt wird,
was beim Betrachter des Bildes ein Gefühl der Rührung auslöst.

Wenn ein Mensch unwillentlich plötzlich in eine Situation der Entblößung gerät, in der er höchst intim vor uns steht,
dann löst das beim Betrachter fast immer ein Gefühl der Rührung aus.
Das Bedürfnis, den anderen in einer solchen Situation zu düpieren, zu verletzen, schwindet plötzlich, selbst dann,
wenn wir mit dem anderen eine Rechnung offen hätten oder wir ansonsten im Leben eher Menschen wären,
welche mit unseren Mitmenschen oft verletzend umgehen. Solche Situationen entwaffnen den Betrachter in uns gewissermaßen.

Ich könnte nun nicht in Worte fassen, was mein Freund im Bild von mir dargestellt hat, weil das schwer mit Sprache
zum Ausdruck gebracht werden kann. Aber er hat mich an einer der intimsten Stellen meines Wesens getroffen.
Auf eine eher charmante, liebevolle Art.

Ihm scheint das also schon aufgefallen und bewusst gewesen zu sein, obwohl Intimes eigentlich verborgen wird. Von uns selbst.
Wir schützen es im Alltag. Wir schützen uns vor möglichen Verletzungen durch die anderen.

Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen des sozialen Miteinanders, solches beim anderen nicht willentlich offen zu legen.
Warum erkennen wir solches bei unseren Mitmenschen eigentlich, obwohl der Mensch versucht es zu verbergen?

Im Altgriechischen gibt es meines Wissens das Wort aleteia. Es bedeutet frei übersetzt „die Unverborgenheit“.
Aleteia ist das altgriechische Wort für Wahrheit. Die Wahrheit hat den Drang sich zu verbergen.

Frohes Neujahr
Thema Autor Klicks Datum/Zeit
Das Wesen des Anderen Christian12 313 01. Januar 2017 15:02
Re: Das Wesen des Anderen sam 123 01. Januar 2017 19:54
Re: Das Wesen des Anderen Christian12 79 02. Januar 2017 12:49
Re: Das Wesen des Anderen sam 92 02. Januar 2017 14:04
Re: Das Wesen des Anderen Christian12 94 04. Januar 2017 16:02
Re: Das Wesen des Anderen sam 163 04. Januar 2017 19:05



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