Das magische Weltbild der Astrologie
Erster Teil
Vor rund hundert Jahren wurde die Astrologie wiederentdeckt, nachdem sie
einige Generationen hindurch in Vergessenheit geraten war. Zur gleichen
Zeit fanden die verschiedensten okkultistischen Ideologien regen Zuspruch.
Geheimgesellschaften, Zirkel und Logen aller Art entstanden vielerorts.
Die Theosophie und ihr verwandte Richtungen etablierten sich überall in
der Welt, und selbst der Spiritismus fand eine große Anhängerschaft und
wurde in Deutschland durch die Publikationen von Carl du Prel [1]
philosophisch unterbaut. Im Gegensatz zu früher wandte er sich jetzt an
das Bildungsbürgertum und wurde fast salonfähig.
All diese weitgestaffelten Versuche, zu einer Neuorientierung zu gelangen,
waren im Grunde nichts anderes als Fluchtbewegungen. Der naive
Fortschrittsglaube der letzten Jahrzehnte hatte sich überlebt, und die mit
ihm verbundene Euphorie war längst dahingeschwunden. Man erkannte, daß auch
Ernst Haeckel die Welträtsel nicht hatte lösen können, und die Befürworter
des Positivismus nicht minder[2].
Ja, man sah ein, daß mit den großen Entdeckungen und Erfolgen der
Naturwissenschaften die Lücken unseres Wissens nur größer und alle Probleme
unlösbarer geworden waren. Viele dieser neuen Bewegungen nahmen ohne Frage
die Funktion von Ersatzreligionen an. Der in Dogmen und Riten erstarrte
Kirchenglaube, dazu noch in einer Sprache vorgetragen, die eher abstieß als
anzog, trug viel dazu bei.
Diese Entwicklung setzte sich im 20. Jahrhundert fort. Schon der Jugendstil
der Jahrhundertwende löste sich von dem ideenarmen Naturalismus der
vergangenen Epoche. Ihm eng verbunden waren die Wandervogelbewegung und die
neu entstandene Freikörperkultur. All diese Richtungen, die vor allem bei der
jungen Generation großen Anklang fanden, sind symptomatisch für das Unbehagen
an einer technisierten und kommerzialisierten Welt. Heute ist es nicht anders.
Studentenrevolte und Hippiekult, die Zuflucht zu Drogen und Jugendsekten,
weisen in dieselbe Richtung, ebenso das Bemühen um Gesellschaftsveränderung
und eine alternative Lebensführung.
Unter allen diesen Bewegungen nimmt die Astrologie eine Sonderstellung ein.
Das nicht nur wegen ihrer Herkunft. Schließlich ist der Lauf der Gestirne
im frühen Altertum, wenn man von nautischen Zwecken der seefahrenden Völker
absieht, fast ausschließlich aus astrologischen Gründen beobachtet worden,
wobei man hier allerdings sagen müßte, zu mantischen Zwecken. Die klassische
Astrologie, wie wir sie kennen, enstand erst später in der hellenistischen
Zeit und hat Jahrhunderte hindurch immer wieder Menschen in ihren Bann
gezogen.
Schon damals stellte man sich die Frage, welcher Art denn die Beziehungen
zwischen Mikro- und Makrokosmos seien. Bei den meisten antiken Autoren und
übrigens auch bei den Renaissance-Astrologen vermischen sich magisch-harmonikale
Ideen mit unzulänglichen Versuchen einer naturkausalen Erklärung astrologischer
Vorgänge. So etwa bei Poseidonios von Apameia (135 - 51 v.Chr.), dem Lehrer
Ciceros, der in den Planeten Träger einer, man müßte sagen, magischen Kraft
sah, die entsprechend den Proportionen ihrer Bewegungen alle Vorgänge regierten.
Auch wenn zweihundert Jahre später Ptolomaeus von den Strahlen der Planeten
spricht, dürfen wir das kaum mit jener Vorstellung von Strahlen verbinden,
wie sie die Naturwissenschaft kennt. Vieles ist rein symbolisch zu verstehen,
so etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn ein Planet als "verbrannt"
bezeichnet wird, weil er in einem Abstand von 7 oder 8 Grad bis zu 16 Bogenminuten
von der Sonne entfernt steht.
Nicht anders ist es bei Kepler. Sein Hauptwerk "Harmonice mundi" ist rein
harmonikal ausgerichtet. Die Aspekte der Planeten, geometrische Figuren, der
natürliche Aufbau der Kristalle und die harmonikale Systematik der Musik
werden zueinander in Beziehung gesetzt. Andererseits finden sich in seiner
Schrift zur Verteidigung der Astrologie, "Tertius Interveniens", neben
zahlreichen harmonikalen auch naturkausale Zusammenhänge aufgeführt, die
uns heute, wenigstens zum Teil, absurd erscheinen[3].
Naturkausalität oder Koinzidenz?
Dieser Gegensatz zwischen einer naturkausalen Betrachtungsweise, nach welcher
die Planeten oder ihre Strahlen den Menschen unmittelbar beeinflussen, und
einer sogenannten "Symbolischen Astrologie" besteht auch heute noch, wobei
die erstere allmählich ins Hintertreffen gerät. Dabei ist es verständlich,
daß in einer Zeit, in der jedermann etwas von Röntgen- und Neutronenstrahlen
weiß, Strahlen aller Art sehr wichtig genommen werden. Das erinnert an die
Bemerkung eines Psychiaters, der berichtete, daß sich noch vor wenigen
Generationen die Paranoiker von bösen Geistern, Dämonen oder gar von dem Teufel
bedroht fühlten, dem sie am liebsten wie weiland Martin Luther ein Tintenfaß
an den Kopf geworfen hätten. Heute aber erzählten diese Leute von den Strahlen,
die die bösen Russen oder die kleinen grünen Männchen auf uns richteten. Nur
wir Toren merkten das nicht.
Jedenfalls nimmt es nicht wunder, daß bei der Strahlenphobie vieler Leute
der Hinweis auf Planetenstrahlen die uns treffen könnten, große Beachtung
findet. Dabei soll es gar nicht abgestritten werden, daß es solche gibt.
Über kosmische Strahlen und ihre Wirkung wissen wir zwar wenig. Doch daß
Sonnenfleckenperioden und etwa die Strahlen des Vollmonds Wirkungen haben,
erfährt jeder Psychiater. Nur sind die Wirkungen dieser Strahlen unspezifisch und
keineswegs mit dem zu vergleichen, was man einem Horoskop entnehmen kann.
Doch immerhin führte die Wissenschaftsgläubigkeit mancher Astrologen dazu,
mit der sogenannten "klassischen Astrologie" reinen Tisch zu machen, da diese
vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen einfach nicht zu vertreten
sei. So wurde, schon um sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, die
Astrologie in Kosmobiologie umgetauft, obwohl dieser Terminus schon längst
von einer naturwissenschaftlichen Disziplin beansprucht wird. Aus dem Horoskop
wurde ein Kosmogramm und vor allem "mittelalterlicher Ballast" abgeworfen.
Nur, was da zu verschwinden habe, darüber war man sich nicht einig. Einige
Astrologen verwarfen die Aspekte, andere die sogenannte Häusereinteilung
des Horoskops, wieder andere bestimmte Prognoseverfahren wie die Direktionen,
oder sie begannen die gesamte in Jahrhunderten gewachsene Systematik der
Astrologie umzukrempeln. Da diese von verschiedenster Seite vorgetragenen
"Verbesserungen" sich häufig widersprechen, steht der unerfahrene
Astrologielehrling gewöhnlich vor einem echten Dilemma.
Wohin die angeblich naturwissenschaftlich unterbaute "Einflußtheorie" führt,
wurde in einer Fernsehdiskussion deutlich, die Professor Hoimar von Ditfurth
mit zwei namhaften Vertretern dieser Richtung führte. Die beiden Kosmobiologen
sprachen weitschweifig von Planetenstrahlen, von Magnetfeldern und Kraftfeldern,
ohne diese eindeutig zu definieren oder erklären zu können. Im Verlauf des
Gesprächs wurden aber beide von dem geschickt agierenden v.Ditfurth regelrecht
in die Ecke gedrängt und mußten kleinlaut zugeben, daß den Menschen außer den
Planetenstrahlen noch zahlreiche andere Einflüsse bestimmen, was Prof.v.Ditfurth
mit einem Augurenlächeln und einer vielsagenden Handbewegung quittierte. Wenig
taktvoll für eine ernstzunehmende Diskussion war jedoch eine Einspielung am
Schluß der Veranstaltung. Dort gab v.Ditfurth zehn jungen Leuten die Deutung
ihres angeblich für sie berechneten persönlichen Horoskops in die Hand.
Acht von ihnen waren mit dem Text einverstanden. Dann aber stellte sich
heraus, daß alle zehn den gleichen Text erhalten hatten. Damit sollte dem
Fernsehzuschauer also klargemacht werden, daß die Astrologie ein Glaube sei,
dem jedes wissenschaftlich vertretbare Fundament fehle, also eben ein
Aberglaube.
Mit solchen Mätzchen kann man nicht operieren. Außerdem zeigten
die Bücher, die Herr v.Ditfurth auf den Tisch gelegt hatte und einige seiner
Bemerkungen, daß er sich mit der Materie überhaupt nicht beschäftigt hatte.
Vermutlich dachte er, menschlicher Dummheit nachzugehen ist nicht der Mühe
wert. So kann man nicht vorgehen, wenn man etwas erreichen will. Auf viel
vornehmere Weise setzte sich Prof. Joseph Meurers, Astronom und Physiker
und seinerzeit Direktor des Studium Universale an der Universität Bonn, mit
der Astrologie auseinander[4].
Auch hier mußte man bemängeln, daß Meurers
nicht voll unterrichtet war, um was es ging. Trotz seiner ablehnenden Haltung
betonte er: "Es ist dem menschlichen Intellekt im Innersten zuwider anzunehmen,
daß die Wirklichkeit in eine Anzahl getrennter Wirkräume zerfällt, von denen
der eine mit dem anderen nichts zu tun hat; denn eine solche Wirklichkeit ist
im letzten grundsätzlich unverständlich. Aber gerade in diesem Punkt läßt die
Wissenschaft den Intellekt ganz unbefriedigt. In der Fülle der wissenschaftlichen
Einzeldisziplinen ist trotz der gewaltigen Einsichten im einzelnen nichts von
einer Ganzheit zu erkennen."
Meurers vergriff sich übrigens nie im Ton. Zu einem Artikel des Verfassers
über astrologische Probleme schrieb er: "Auch ich bin der Meinung, daß man
derartige sachliche Auseinandersetzungen fortsetzen sollte. Daß ich mit Ihren
Ausführungen nicht in allen Teilen einverstanden bin, werden Sie sich denken
können. Jedenfalls möchte ich der Meinung Ausdruck geben, daß nur in dieser
Weise des menschlichen Gespräches auch über das astrologische Problem
gehandelt werden kann. Tut man es anders, verletzt man die Sache, und was
noch viel schlimmer ist, den Menschen."
Diese Worte sollten sich alle die zu Herzen nehmen, die gewöhnlich ohne
Sachkenntnis gegen die Astrologie zu Felde ziehen, aber auch die Astrologen
selbst, die ihre Theorien oft mit solcher Inbrunst verteidigen, als seien
sie vom lieben Gott persönlich inspiriert worden.
Kein unmittelbarer Einfluß der Planeten
Gegen die Auffassung, daß die Gestirne im Sinne der Astrologie eine Wirkung
auf den Menschen ausüben, lassen sich gewichtige Argumente anführen. Um nicht
mißverstanden zu werden: Es geht nicht um die Ergebnisse einer mit Vernunft,
Erfahrung und nicht zuletzt Intuition erfaßten Astrologie. Jeder, der
jahrzehntelang Menschen und ihre Horoskope gesehen hat, wird diese nicht
abstreiten können. Sondern nur um die Klärung der Frage, ob ein unmittelbarer
Planeteneinfluß oder etwas grundsätzlich anderes diesen Ergebnissen zugrunde
liegt. Gegen die sogenannte Einflußtheorie spricht folgendes:
-
Jeder Mensch ist mit allen seinen Anlagen, auch den schicksalsbestimmenden,
schon lange vor seiner Geburt ausgestattet. Die Planetenstrahlen, die ihn
im Geburtsaugenblick treffen, ändern daran nichts. Auch der Hinweis auf das
Epochehoroskop, also jenes, das für den Konzeptionsaugenblick errichtet
werden kann, ist belanglos. Einmal dürfte es schwierig sein, diesen Moment
zu erfassen. Auch die Trutina Hermetis, die Gleichung des Hermes[5], gibt,
wenn überhaupt, nur eine Annäherung. Deutet man aber ein Epochehoroskop
nach den üblichen Regeln, so steht ein völlig anderer Mensch vor uns, der
mit den Deutungsinhalten des Geburtshoroskops nichts gemein hat.
-
Unter dem Tierkreis versteht man jenes Areal nördlich und südlich der
Ekliptik, der scheinbaren Sonnenbahn, in dem sich die Planeten bewegen.
Wenn man Pluto einschließt, hat der Tierkreis eine Bandbreite von
+/- 17,5°. Das Wort Tierkreis ist übrigens eine Fehlübersetzung von
Zodiakus. Das Wort kommt nicht von Zoon, griechisch Tier, auch nicht von
dem nordischen Himmelsgott Tyr, wie manchmal behauptet wird, sondern von
Zodia, Bildchen. Er ist ein Sternbilderkreis. Die Babylonier verwandten
einige ekliptiknahe Sternbilder als Markierungspunkte der Sonnenbahn.
Zuerst waren es einige wenige, dann acht und zuletzt lange Zeit hindurch
elf. Diese Sternbilder, noch nicht Tierkreiszeichen, waren von
unterschiedlicher Ausdehnung, etwa von 27 bis zu 43 Grad. Ziemlich spät,
etwa um 600 vor unserer Zeitrechnung wurden die Scheren des Skorpions
vom Sternbild Skorpion abgetrennt und ein 12. Sternbild, der Waagehalter,
später einfach Waage genannt, daraus gebildet. Allen diesen Sternbildern,
nunmehr Tierkreiszeichen, wurden 30° zugemessen, ein Zwölftel des
Kreisumfanges. Das geschah nicht aufgrund astrologischer Erfahrungen
- Horoskope oder gar Statistiken gab es noch nicht - sondern aus
harmonikalen Erwägungen. Später, etwa im 4. Jahrhundert, entdeckte man,
daß der Frühlingspunkt durch die Präzession, eine Kreiselbewegung der
Erdachse, jährlich um 50,24 Bogensekunden zurückging.
Daraufhin wurde der Tierkreis von dem Fixsternhintergrund, den Sternbildern,
abgelöst. Vom physikalischen Standpunkt aus wäre es jedoch unerklärlich,
warum ein Kraftfeld diese Bewegung mitmachen sollte. Ein Hinweis auf den
Wechsel der Jahreszeiten ist auch nicht stichhaltig. In südlichen Breiten
ist der Rhythmus des Jahreslaufs ja ein völlig anderer. Ebenso unerklärlich
bleibt vom physikalischen Standpunkt die Aufteilung in zwölf gleich große
und dabei so unterschiedlich wirksame Sektoren.
-
Dasselbe gilt für die Einteilung des Himmelsraums in zwölf Häuser oder
Felder. Dieses Häusersystem entstand in den letzten drei Jahrhunderten
vor der Zeitenwende, und zwar in Analogie zum Tierkreis. Ursprünglich
wurden nur die vier Eckpunkte beachtet, die durch den Horizont mit Ost-
und Westpunkt und den Meridian gebildet werden. Dann wurden es acht
Abschnitte und schließlich zwölf, und damit das, was wir heute Horoskop
nennen. Auf empirischer Grundlage sind diese Häuser nicht entstanden,
und über den Umfang und die Abgrenzung der Zwischenhäuser ist man sich
heute noch nicht einig.
Man bedenke auch folgendes: Eine Opposition von Mars zu Saturn gilt als
sehr gewichtiger Aspekt. In ihm spiegelt sich der Gegensatz zwischen
Willen und Notwendigkeit, zwischen Zwang und Freiheit wider. Steht nun
Mars im Osten dicht unter dem Horizont, so befindet sich der Saturn im
7. Haus. Woraus man schließen kann, daß Partnerschaften und Ehe wenig
glücklich sein oder wenigsten manchen Hemmungen und Verzögerungen
unterliegen werden. Wenige Minuten, bei langsam aufsteigenden Zeichen
vielleicht eine Viertelstunde später, gerät der Mars in das 12. Haus
und Saturn in das 6. Haus. Daraus kann man folgern, daß Krankheiten oder
persönliches Unglück zu Isolation führen werden, ebenso daß es zu
Konflikten im Arbeitsmilieu kommen wird. Die Erfahrung bestätigt, daß es
oft an dem ist. Sollte man aber Kraftfelder, also rein physikalischen
Einflüssen, derart spezifizierte Wirkungen zuschreiben?
-
Planeten die unter dem Horizont stehen, deren Strahlen also erst den
Erdkörper durchdringen müßten, dürften nach allen Erfahrungen, die man
mit Strahlen gemacht hat, eine schwächere oder wenigstens modifizierte
Wirkung haben. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Planet, der tief unten
am Meridian, also an der Spitze des 4. Hauses steht, ist sehr viel
bedeutsamer, als stünde er hoch oben im 9. oder 11. Haus und damit nicht
weit vom oberen Meridian entfernt. Ebenso gilt ein Planet, der sich unter
dem Horizont im 1. Haus aufhält, als sehr viel stärker, als stünde er
wenig später über dem Horizont im 12. Haus.
-
Unter den Aspekten versteht man die Winkelabstände der Planeten,
geozentrisch, also vom Beobachter auf der Erde aus gesehen. Was, wenn
man an physikalische Einflüsse der Planeten denkt, sowieso nur schwer
verständlich ist. Nun sollen aber die Strahlen von den Planeten selbst
ausgehen. Man müßte also, um einen Aspekt festzustellen, einen Bogen
vom Planeten X zum Planeten Y ziehen. Das macht man aber nicht. Man tut
so, als hätten die Planeten keine Breite und bewegten sich auf der
Ekliptik. Dort, und nicht am Himmel, werden die Distanzen gemessen,
so als wenn die Orte einer geometrischen Projektion Strahlen aussenden
könnten. Schon Kühr verwunderte sich darüber, daß man der Breite der
Planeten so wenig Beachtung schenkt[6]. Nur bei den Eklipsen, den
Finsternissen, wird die Breite wichtig genommen. Daß heißt, die fehlende
Breite, denn Finsternissen entstehen nur, wenn der Mond wie die Sonne
keine Breite hat. Wollte man nun aber den wahren Ort der Planeten
berücksichtigen, kämen andere Werte heraus, bei Pluto mit einer
maximalen Breite von zeitweise mehr als 17› wäre die Differenz sogar
erheblich. Wenn man aber mit Halbdistanzen arbeitet, denen man einen
Orbis von nur ein bis zwei Grad zumißt, stimmten viele Angaben nicht
mehr. Die Projektion der Aspektpunkte auf die Ekliptik ist aber an sich
schon eine Abkehr von einer naturkausalen Auffassung der Astrologie.
-
Das Geburtshoroskop wird als eine Art Engramm angesehen, das dem Nativen
sein Leben lang eingeprägt bleibt. Nun wäre es verständlich, daß Planeten,
die irgendwann diese Orte aspektieren - sie werden Transite genannt - eine
Wirkung haben könnten. Sie tun dies oft aber nur in Zusammenhang mit
Direktionen und Progressionen, die wie verschiedene andere Prognosemethoden
auf der aus dem frühen Altertum entlehnten Gleichung "ein Tag gleich ein
Jahr" beruhen. Die Konstellationen des 40. Tages nach (und bei manchen
Autoren auch vor) der Geburt entsprechen dem 40. Lebensjahr.
Bei den sogenannten Primärdirektionen beträgt der Umrechnungsschlüssel
etwa 4 Minuten. Das ist der Sternzeitfortschritt von einem Tag zum andern
bzw. annähernd 1› der Sonnenbahn. Es handelt sich dabei wiederum um das
Verhältnis "ein Tag/ein Jahr". Das Konstellationsbild rund 60 Minuten
nach der Geburt und convers gerechnet, ebenso 60 Minuten vor der Geburt,
kennzeichnet die Ereignisse des 15. Lebensjahres. Ähnlich geht es mit
dem Jahreshoroskop, dem Solar, zu. Dieses wird für den Augenblick errechnet,
an dem die Sonne in jedem Jahr wieder den Ort erreicht, den sie im
Geburtshoroskop innehatte. Dieses Horoskop gilt aber nicht etwa nur für
einen Tag, dann handelte es sich ja um Transite, sondern für das ganze
folgende Jahr. Es ist die gleiche Relation wie bei den Direktionen. Dabei
dürfte es eindeutig sein, daß diese und ähnliche Verfahren naturkausal
nicht zu erklären sind. Da sie aber sehr oft mit entsprechenden Ereignissen
übereinstimmen, muß man bei allen diesen Prognosemethoden ein anderes
Weltbild voraussetzen.
-
Das gewichtigste Argument gegen die Einflußtheorie wird zumeist übersehen.
Die einschneidensten Ereignisse, die den Menschen betreffen, sind häufig
sekundärer Art und nicht unmittelbar auf ihn bezogen. Es ließe sich
vorstellen, daß Strahlen des Saturn einen Menschen krank machen und die
des Neptun ihn in Verwirrung bringen könnten. Aber wie steht es mit
folgenden Fällen aus der Praxis?
Ein Mann kommt mit schweren Depressionen
zur Beratung, die im Horoskop auch durch Saturndirektionen angezeigt sind.
Seine Depressionen sind aber weder endogen noch psychogen, sondern durch
ein konkretes Ereignis hervorgerufen worden. Seine Eltern wollten diesen
Mann besuchen. Der nicht mehr fahrtüchtige alte Vater verursachte einen
schweren Unfall. Der Sohn sagte sich jetzt, daß sich seine Eltern bestimmt
nicht selbst auf den Weg gemacht hätten, wenn nicht sein geplanter Besuch
bei ihnen aus Termingründen immer wieder verschoben worden wäre. Was haben
die Konstellationen, die den Sohn betrafen, mit dem Unfall und Tod des
Vaters zu tun?
Ein Unteroffizier der Bundeswehr, verheiratet, zwei Kinder,
lebt in recht bescheidenen Verhältnissen. Da stirbt ein Onkel, von dem
niemand wußte, daß er recht vermögend gewesen war. Alleiniger Erbe ist der
junge Mann, der sich ein schönes Haus baut und seinen Lebenstil ändern kann.
Eine junge Dame steht in Rom kurz vor der Hochzeit. Da erfährt sie, daß
eine Besteckfabrik in der Schweiz in Konkurs gegangen ist. Sie verliert
dabei ihr Vermögen und löst die Verbindung zu ihrem Verlobten, weil der
eine Ausländerin nur unter dem Verlust seiner Stellung als Abwehroffizier
heiraten könnte. Zudem hatte er noch für seine Mutter und Geschwister zu
sorgen. Unter schwerwiegenden Marskonstellationen versucht sie, sich das
Leben zu nehmen.
Was haben jeweils die Saturn-, Jupiter- und Marskonstellationen der
Betroffenen mit den Geschehnissen selbst zu tun?
Astrologen pflegen, wenn sie einen Horoskopauftrag bekommen, sich einige
möglichst wichtige Daten aus dem vergangenen Leben der Klienten zu erbitten,
um mit deren Hilfe die stets nicht ganz exakte Geburtszeit zu rektifizieren.
Diese Daten sehen gewöhnlich so aus: Tod der Eltern oder von nahen
Angehörigen, Freunden oder Partnern. Ungewollte Trennung von einem
Partner, der sich in eine attraktivere Person verliebt hat. Erbschaften
oder Verlust von Erbschaften. Gewinne im Lotto oder auf andere Art.
Aufgabe einer Lebensstellung, weil die Firma vor dem Bankrott steht,
oder Beförderung, weil ein neu gekommener Chef einem wohl will im
Gegensatz zu dem früheren. Diese Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.
Demgegenüber sind Krankheiten, Fehlentscheidungen oder selbstverschuldete
Zwischenfälle, bei denen man noch an kosmische Einflüsse denken könnte,
ganz in der Minderzahl. Anhänger der Einflußtheorie, denen man dies
vorhält, sprechen dann gewöhnlich von einem inneren Zusammenhang, von
kosmischen Beziehungen usw. und begeben sich dabei unversehens auf ein
Gebiet, daß eine ganze Reihe bedeutender Astrologen mit dem Kennwort
"Symbolische Astrologie" umschreiben und dabei auf ein magisch-orientiertes
Weltbild zurückgreifen.
Abkehr von der Einflußtheorie
Sie geraten dabei oft in einen Zwiespalt. Schon bei einem der ältesten und
weit verbreiteten Lehrwerke der Astrologie, dem von Sindbad-Weiß[7], wird
das deutlich. Einerseits wird von Planeteneinflüssen und Strahlen gesprochen,
dann aber in Anlehnung an Morin de Villefranche (1583 - 1656) und an
zeitgenössische französische und englische Autoren ein Lehrgebäude errichtet,
das voll und ganz symbolischen Charakter hat. Auch Freiherr von Klöckler[8],
dessen Lehrbücher mit Recht heute noch sehr beachtet werden, gab seine
anfängliche Zurückhaltung in dieser Frage auf und bekannte: "Es ist bisher
nicht gelungen, die Naturkausalität im Astrologischen, die nach dem maßgebenden
Weltbilde der Physik in einer, wie auch immer gearteten Strahlungstheorie
münden müßte, deutlich aufzuweisen. Nicht selten gewinnt man den Eindruck,
daß gewisse astrologische Erfahrungen dem Allgültigkeitsanspruch solcher
Theorien widerstreben würden. Man neigt daher vielfach zur Hypothese eines
Parallelismus der makro- und mikrokosmischen Prozesse und Periodizitäten."
Im Nachwort und einem "Manuskript letzter Hand" zu der Ausgabe von 1952 heißt
es weiterhin: "Hier ist mit Nachdruck zu betonen, daß die gewiß vielfältigen
Beziehungen der Gestirnwelt zur Erde, wie sie bei Sonnenflecken, Mondeinflüssen
usw. nachgewiesen werden konnten, ebenso unzureichend wie unangemessen sind für
die Begründung der astrologischen Bedeutungszusammenhänge. Aus Physikalischem
wird eben zunächst nur Physikalisches oder physikalisch Erklärbares, aber nichts
seelisch oder geistig Ganzes, nichts Bedeutungsvolles und Werthaftes. Der
Negation astrologischer Möglichkeiten aus "wissenschaftlichen", d.h.
physikalischen Gründen ist entgegen zu halten, daß Unerklärlichkeit keine
Widerlegung von Wirklichkeiten bedeutet."
Dr. Walter Koch, einer der hervorragendsten Theoretiker der modernen Astrologie[9]
wird sehr viel deutlicher. Er entwickelt eine Kosmo-Psychische Beziehungs-Theorie
und betont: "Die symbolische Astrologie hat als Deutungsprinzip die Analogie
oder Entsprechung, den Synchronismus oder die Korrelation. An die Stelle einer
niederen Kausalverknüpfung tritt hier eine höhere Ähnlichkeitsbeziehung.
Tatsächlich handelt es sich bei astrologischen Deutungen nicht um die Aufzeigung
physikalischer Wirkungen, sondern um Bedeutungszusammenhänge und innere
Gleichartigkeiten, also um geistige Werte. Weil die Astrologie sich mit Leben,
Seele, menschlichem Tun und irdischem Geschehen beschäftigt, ist sie dem
Naturwissenschaftler alten Schlages und materialistischer Prägung unzugänglich,
den nur der Stoff, seine Strahlungen und seine kausalmechanischen Gesetze
interessieren."
Kurioserweise spricht dann aber Koch am Schluß seiner Abhandlung davon, daß
die symbolische Astrologie sich durch freiwilligen Verzicht auf alles Magische
bewußt vom Okkultismus entfernt.
Denn gerade Dr. Koch hat in dem unter dem Namen seiner Frau, Dr. I. Egenolf,
herausgegebenen Buch "Kartomantie" und dem dazugehörigen "Astromantischen
Schicksalsspiel" astrologische Symbole mit reiner Mantik, also einem Seitenzweig
des Magismus, in Verbindung gebracht. Aus verschiedenen Gesprächen mit ihm
ging hervor, daß der genannte "Verzicht auf alles Magische" sich speziell auf
die magischen Rituale hellenistischer Theurgen bezog, die da glaubten, mit
Hilfe dieser die schädlichen Einflüsse der Planetengötter oder der den Planeten
zugeordneten "Dämonen" und "Intelligenzen" abwehren zu können.
Einer der bedeutendsten Vertreter der symbolischen Astrologie war
Wilhelm Knappich, der Verfasser einer "Geschichte der Astrologie" und
zahlreicher, zum Teil noch nicht edierter Schriften zu astrologischen
Problemen[10]. Zu unserem Thema schrieb er: "Die symbolische Astrologie
will also keine Wissenschaft im exakten Sinne, sondern eine kosmische
Deutungskunst sein, sie verlangt, daß der Astrologe wieder das wird, was
er ursprünglich war, ein Zeichendeuter, aber kein Astrophysiker, ein Künstler,
der das Weltall physiognomisch und nicht physikalisch betrachtet." Und in
der "Geschichte der Astrologie" heißt es: "Für eine rein symbolische aufgefaßte
Astrologie sind die Planeten- und Tierkreiszeichengestalten nichts anderes
als Zeichenträger, die von sich aus weder etwas bewirken noch etwas anzeigen
können. Es ist lediglich der Mensch, der sie bei der relativ häufigen
Gleichzeitigkeit kosmischer und irdischer Geschehnisse als Hilfsmittel
benutzt und der sich damit ein kunstreiches Beziehungssystem geschaffen hat,
womit er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit etwas über Charakter und
Schicksalstendenzen aussagen kann. Gewiß gibt es außerirdische Kräfte, die
den Erdkörper sowie den Rhythmus alles Lebendigen weitgehend beeinflussen.
Diese Einflüsse sind aber genereller Natur und gehören in den Forschungsbereich
der Physiker und Biologen."
Schließlich können wir auch noch den Senior unter den heutigen Astrologen,
Thomas Ring, zitieren, der sich von "der vulgären Einflußtheorie" absetzt[11].
Ring schreibt: "Der Grundgedanke einer Revision der Astrologie, der sie im
heutigen Weltbild vertretbar macht, liegt in der Auffassung, daß die Gestirne
uns nur Kennmarken für bestimmte Bildekräfte des Organischen sind. Die
Gesamtkonstellation stellt ein Gleichnis für das innere Kraftgefüge des
darunter geborenen Menschen dar. Das Leben reproduziert sich in Einklang
mit der übergreifenden Ordnung, dem Kosmos." Es heißt aber auch: "Das Erlebnis
des Nichtgenügens der Kausal-mechanischen Welterklärung führt oft aus Protest
in eine Rückwendung zum magischen Weltbild. Mit dieser glaubens- oder
affektbestimmten Einstellung begeht man Beobachtungs- und Denkfehler, welche
den Skeptikern billige Einwände liefern." Das ist deutlich und soll später
noch eingehend beantwortet werden. Was aber Skeptiker zur Astrologie meinen,
kann uns gleichgültig sein. Sind dies doch gewöhnlich Leute, die über gar
keine oder eine nur sehr oberflächliche Kenntnis astrologischer Probleme
verfügen. Was aber das magische Weltbild, das fraglos auch die astrologische
Phänomenologie einschließt, in seinem umfassendsten Sinn bedeutet, läßt sich
nicht in wenigen Sätzen darstellen.
Das soll der Fortsetzung dieses Beitrages vorbehalten bleiben.
Anmerkungen
- Dr. Carl du Prel, Das Rätsel des Menschen, Leipzig 1892.
Die Entdeckung der Seele, Leipzig 1893
- Ernst Haeckel, Die Welträtsel, 1899
- Johannes Kepler, Harmonice Mundi Libri V, 1617, Tertius Interveniens,
Frankfurt/M., 1610 (neu herausgegeben und kommentiert, München 1971)
- Prof. Dr. Joseph Meurers, Das Problem der Astrologie, in:
Naturwissenschaftliche Rundschau, 8/1960, S. 291 - 296
- Trutina Hermetis, die Waage (Gleichung) des Hermes, ein Verfahren,
mit dessen Hilfe man versuchte, eine ungenaue Geburtszeit zu rektifizieren.
Demnach sollen sich der Mond und der Aszendent bzw. Deszendent des
Geburtshoroskops und des Epochehoroskops gegenseitig auswechseln.
Schon erwähnt im "Centiloquium Ptolemaei", einem im
3. Jahrhundert entstandenen Anhang zu den Tetrabiblos des Ptolemaeus.
- Erich Carl Kühr, Aspektanalyse, Wien 1948. S. 77 ff.
- Friedrich Schwickert (Sindbad) und Dr. Adolf Weiss, Die astrologische
Synthese, München Planegg, 1925
- H. Freiherr von Klöckler, Kursus der Astrologie, Band II, Berlin 1952
- Dr. Walter Koch, Die kosmo-psychische Beziehungs-Theorie, in:
Gesammelte Schriften und Vorträge, Neunkirchen/Saar, 1969;
Auch Astronomen irren, in: Neue Aspekte 1/3, 1964
Walter Koch und Wilhelm Knappich, Horoskop und Himmelshäuser,
Göppingen 1959
Dr. I. Egenolf, Kartomantie, Göppingen, o.J.
Astromantisches Schicksalsspiel, Büdingen-Gettenbach, 1957
- Wilhelm Knappich, Der Mensch im Horoskop, Villach 1951
Symbolische Astrologie, in: Tradition und Fortschritt, Zeitschrift
der Österreichischen Astrologischen Gesellschaft, März 1957
Geschichte der Astrologie, Frankfurt/M. 1967
- Thomas Ring, Astrologie ohne Aberglauben, Düsseldorf 1972
S. 139, 159, 263 f.
Astrologie neu gesehen, Freiburg/Brsg. 1977
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