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Kolumbus’ Abfahrt nach Amerika


EIN HISTORISCHES ELEKTIONSHOROSKOP


["Netzversion" des Artikels in der Zeitschrift merCur, Ausgabe 6/97]

von Claudia von Schierstedt


Zu Zeiten des berühmten Entdeckers Kolumbus war es üblich, daß bei großen Schiffsreisen ein Astrologe an Bord war. Doch Kolumbus brauchte keinen Bord-Astrologen, da er selbst das dazu notwendige mathematische und astrologische Wissen besaß. In seinen Logbüchern erwähnt er häufig aktuelle Konstellationen. So sind uns die Umstände und der Abfahrtszeitpunkt seiner großen Entdeckungsreise nach Amerika bekannt.

Die näheren Umstände seiner Abreise, die er in seinem Schiffstagebuch beschreibt, sind allerdings sehr seltsam. Am Tag seiner Abreise mußte er aus amtlichen Gründen den Hafen bei Sonnenaufgang verlassen haben. Doch er ließ seine Schiffe nur bis zu einer der Küste vorgelagerten Sandbank segeln. Dort ankerte er und wartete noch drei Stunden, bis er endgültig in See stach. Christoph Kolumbus wollte seine große Unternehmung zu einem günstigen Zeitpunkt beginnen. Das Horoskop des „staatlich verordneten" Zeitpunktes wies jedoch aus der Sicht eines Astrologen erhebliche Mängel auf.

Die Technik, die Kolumbus verwendet hat, nennt man Elektions-Astrologie. Elektionen (von lat. eligere = auswählen) sind Radix-Horoskope von Unternehmungen und Ereignissen. Das Besondere an diesen Horoskopen ist, daß sie von einem Astrologen für den Beginn eines Unternehmens nach speziellen Regeln ausgewählt werden. In früheren Zeiten gehörten die Regeln und Techniken der Elektions-Astrologie zum Standard-Repertoire der Astrologen. Die Astrologen des Mittelalters und der Renaissance-Zeit waren Meister der astrologischen Terminwahl, da sie als Hofastrologen ständig für ihre Fürsten geeignete Termine für Kriegszüge, Grundsteinlegungen, Reisen, Hochzeiten oder Krönungen errechnen mussten.

Die Elektions-Astrologie ist sehr eng mit dem Deutungsstil der Stundenastrologie verwandt. Daher wird ein geübter Stundenastrologe sehr schnell auch gute Ergebnisse mit Elektionen erzielen. Die besondere, sehr konkrete Art astrologischen Denkens in der Stundenastrologie wird auch in der Elektionsastrologie eingesetzt. In beiden astrologischen Richtungen werden Planeten und Aspekte als gut oder schlecht für eine bestimmte Angelegenheit betrachtet.

Wenn wir nun das Horoskop der Abfahrt aus dem Hafen und das Horoskop des Verlassens der Sandbank untersuchen, dann werden wir verstehen, warum Kolumbus so handelte (Horoskop des Auslaufens aus dem Hafen; 3.8.1492, 4 Uhr 30 LMT, Parlos dela Frontera).

Für jede Art des Reisens, ob Weltreise oder Tagesausflug, sind die wichtigsten Signifikatoren der Herrscher des 1. Hauses, der Mond und die Herrscher des 9. oder 3. Hauses.

Der Herrscher des 1. Hauses repräsentiert den Reisenden selbst bzw. die Reisecrew als Ganzes. Im idealen Fall steht er stark, erhält keine schwierigen applikativen Aspekte, ist nicht rückläufig und steht in einem vorteilhaften Haus. Zudem sollte der Herrscher von 1 eine gute Beziehung zu seinem Dispositor haben. In unserem Beispielhoroskop auf das Verlassen des Hafens ist die Sonne Herrscher von 1. Sie steht sehr stark im Löwen im 1. Haus und erhält keine schwierigen applikativen Aspekte. Sie hatte jedoch eine Opposition zu Saturn im 7. Haus. Eine große Reise mit einem Saturn im 7. Haus nahe dem Deszendenten zu starten, ist gefährlich. Das 7. Haus repräsentiert die nahe Zukunft und alles, was einem auf der Reise begegnet. Und wer begegnet schon gerne mitten auf See einem Saturn? Die Sonne als Signifikator für Columbus, sein Schiff und seine Besatzung steht zwar sehr stark im eigenen Zeichen Löwe im ersten Haus, und die Opposition zu Saturn ist bereits Vergangenheit (separativer Aspekt), doch warum sollte man mit Saturn in 7 ein Risiko eingehen.

Das 9. Haus steht für große Reisen. Beide Herrscher des 9. Hauses, Jupiter (nach dem alten Herrschersystem beherrscht Jupiter das Zeichen Fische) und Mars, stehen im 12. Haus. Dies ist keine sehr vorteilhafte Position für die Herrscher des 9. Hauses. Zudem stehen weder Jupiter noch Mars in Aspekt-Kontakt zum Herrscher von 1.

Ganz anders hingegen erfüllt der von Columbus gewählte Abfahrtszeitpunkt von der Sandbank alle astrologischen Anforderungen für große erfolgreiche Reisen (Horoskop des In-See-Stechens von Kolumbus; 3.8.1492, 8 Uhr LMT, Saltesbank).

Der Herrscher des 9. Hauses, Venus, steht im ersten Haus in ihrem eigenen Domizil Waage stark und gut plaziert. Merkur, der Herrscher des 1. Hauses, bildet ein applikatives Sextil zur Venus, der Herrscherin des 9. Hauses. Damit ist ein positiver Kontakt zwischen dem 1. und dem 9. Haus gegeben. Der Mond als Cosignifikator für die Reisecrew läuft in ein positives Sextil zu Saturn und ein sehr vorteilhaftes Trigon mit der Sonne. Dies garantiert ein Gelingen der Reise. Zudem steht Mond mit Jupiter, dem Herrscher von 7, in gegenseitiger Rezeption: Jupiter steht im Krebs im Domizil des Mondes und der Mond steht im Schützen im Domizil Jupiters. Diese Rezeption bringt bei den Begegnungen (7. Haus) auf der Reise einen positiven Austausch.

Das Ergebnis kann kurz zusammengefaßt werden: Mit seiner Elektion hatte Kolumbus eine erfolgreiche Reise (Herrscher von 1 Sextil Herrscher von 9), eine fleißige und motivierte Crew (Mond Sextil Saturn und Mond Trigon Sonne) und die Eingeborenen, die er treffen würde, waren seiner Crew und seinem Vorhaben wohl gesonnen (Herrscher von 7 in Rezeption mit Mond, statt eines Saturn in 7).


Claudia von Schierstedt ist die Autorin des Buches Astrologische Terminwahl, Durch Elektionen im Einklang mit der Zeitqualität, erschienen im Chiron-Verlag. Die Astrologische Terminwahl ist ein praktisches Lehrbuch, in dem die Theorie und die Techniken der Elektionsastrologie anhand von Anwendungsbeispielen besprochen werden.

Eine Bibliographie zum Thema Elektionen findet sich auf der Web-Seite der Autorin.

Kontakt: Claudia von Schierstedt,
Wörthstr. 30, 81667 München
E-Mail: claudia@hermes-astrologie.com
Web: http://www.hermes-astrologie.com



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© Copyright 1997 Claudia von Schierstedt / merCur / astrologix - by TJK [27/Apr/98]