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Über den Autor:

Edgar Wunder ist ehemaliger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift "Skeptiker", und einer der Gründungsinitiatoren von Forum Parawissenschaften e.V., einem "Forum für einen konstruktiven kontroversen Dialog und Diskurs zu Parawissenschaften, Anomalien und außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen".

 

Autor: Edgar Wunder

Wilhelm Hartmann (1893-1965):
Astrologe und Berufsastronom

Teil 2 von 6 [=> 1, 3, 4, 5, 6]


Hartmanns Weg zur Astrologie

Wilhelm Hartmann wurde 1893 in Hamburg geboren. Er schlug nach Abschluss der Realschule zunächst eine Laufbahn als technischer Beamter ein. Um 1910 herum kam er erstmals mit dem Hamburger Astrologen Albert Kiepf in Kontakt, was ihn nachhaltig beeindruckt und zu intensiver Beschäftigung mit der Astrologie angeregt haben muss.

Der damalige Status der Astrologie war ein ganz anderer als heute. Sie war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Kontinentaleuropa völlig von der Bildfläche verschwunden und hatte nur in einigen englischen "Exzentriker"-Kreisen gerade noch überlebt. Als sich dann in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts die religiöse Strömung der Theosophie (eine Vorläuferin der Anthroposophie) entwickelte und sich über spiritistische und okkulte Zirkel verbreitete, erlebte die Astrologie zunächst nur innerhalb dieser theosophischen Kreise und in England eine "Wiedergeburt". Um 1900 herum kam sie im Gefolge der Theosophie vereinzelt auch nach Deutschland, wobei in Hamburg nur zwei Personen von Bedeutung waren: einerseits Karl Brandler-Pracht, der missionsartig durch ganz Deutschland zog, um die "frohe Botschaft" der Astrologie zu verkünden, u.a. auch in Hamburg, andererseits der erwähnte Albert Kiepf, der die Astrologie auf eine physikalische Grundlage stellen wollte, indem er behauptete, die menschliche "Aura" sei für "kosmische Od-Strahlen" empfänglich, was die angeblichen Gestirnseinflüsse erkläre. Dieses Konzept seines Vorbilds Kiepf hat Hartmann nachhaltig in seinem gesamten späteren Denken über die Astrologie beeinflusst.

Zu bedenken ist dabei, dass es vor dem ersten Weltkrieg keine identifizierbare deutsche Astrologie-Bewegung gegeben hat, nur einige ganz wenige und isolierte Einzelkämpfer. Außerhalb der theosophischen und okkulten Zirkel wusste kaum ein Deutscher davon, dass es so etwas wie die Astrologie aktuell überhaupt noch gibt. In den Zeitungen erschienen auch keine Artikel über Astrologie (Zeitungshoroskope wurden erst knapp 20 Jahre später erfunden), und es darf bezweifelt werden, ob auch nur einer unter fünfzigtausend Deutschen "sein" Tierkreiszeichen gekannt hätte. Nur ganz wenige Menschen wussten davon etwas und auch der astrologische Markt war vor 1914 extrem klein. Wer sich wie Hartmann vor dem ersten Weltkrieg bereits mit Astrologie beschäftigte, gehörte zu einer ganz kleinen "Elite" wirkliche Pioniere der erst später einen großen Aufschwung erlebenden Astrologie die sich auch so fühlte: als Vorkämpferin für eine ganz neue Zeit und "Wissenschaft".

Begegnung mit der "Hamburger Schule"

Über Kiepf kam Hartmann 1914 zum ersten Mal mit Alfred Witte zusammen, einem anderen Hamburger Astrologen, den folgender Gedankengang plagte: Der Astronomie war es 1846 aufgrund von Bahnstörungen des Uranus gelungen, die Position des bis dahin unbekannten Planeten Neptun zu berechnen, was allgemein als beeindruckender Beweis ihrer Leistungsfähigkeit galt. Müsste es da nicht auch möglich sein, aus Abweichungen astrologischer Voraussagen von der Realität auf die Position eines störenden "Transneptun" zu schließen, indem ein hypothetischer weiterer Planet im Horoskop eingeführt werde, bis die Prognosen wieder stimmten? Gelänge es den Astronomen dann auch noch, den auf die Weise astrologisch ermittelten Planeten tatsächlich an der vorhergesagten Position zu entdecken, wäre dies ein schlagender Beweis für die Astrologie, den niemand mehr ignorieren könne.

Hartmann war fasziniert von diesem Gedanken Wittes und drängte ihn zu einer Veröffentlichung. Doch kurz darauf brach der erste Weltkrieg aus, Witte und Hartmann wurden beide als Frontkämpfer eingezogen, Hartmann wurde gegen Kriegsende sogar Offizier. Als sich beide 1918 wieder trafen, war Witte im Schützengraben an der russischen Front nicht untätig geblieben. Er hatte versucht, russische Granateneinschläge astrologisch vorauszuberechnen, was natürlich nicht gelang, weshalb er einen hypothetischen Planeten "Cupido" zur Korrektur eingeführt hatte. Doch die darauf aufbauenden Voraussagen wollten immer noch nicht so recht stimmen, weshalb weitere Planeten von Witte eingeführt wurden: Hades, Zeus und Kronos. Dies wurde nun begeistert von seinem Freund Friedrich Sieggrün aufgegriffen, der zusammen mit Witte eine entsprechende Astrologenschule unter der Bezeichnung "Hamburger Schule" eröffnete und in den Folgejahren mit gleicher Methode nochmals weitere Planeten namens Apollon, Admetos, Vulkanos und Poseidon "entdeckte".

Hartmanns Weg zur Astronomie

Hartmann wusste jetzt nicht mehr so recht, was er von Wittes Ideen halte sollte. Ihn störte zunehmend, dass Witte keine systematische Darlegung präsentieren konnte oder wollte, wie er zu seinen Ephemeriden für die "Transneptuner" (denn all diese Planeten sollten sich auf perfekten Kreisbahnen jenseits des Neptun bewegen) gekommen war. Witte argumentierte immer nur mit Einzelfällen und Beispielen, nie systematisch. Immer mehr beschäftigte sich Hartmann nun mit der Frage, wie man diese eventuellen Planeten nachweise könne und arbeitete sich dazu immer tiefer in die Astronomie ein, bis er sich schließlich 1923 im Alter von 30 Jahren sogar entschloss, ein Astronomie-Studium an der Universität Hamburg aufzunehmen, um an der Universitäts-Sternwarte Hamburg-Bergedorf selbst nach den behaupteten Planeten forschen zu können. 1919 hatte er zunächst sein Abitur nachgeholt und war dann von 1920 bis 1922 als technischer Leiter in einer pharmazeutischen Fabrik (und nebenher als Astrologe) tätig, einen Job, den er dann aufgab, um sich ganz dem Astronomie-Studium widmen zu können.

Astrologengezänk um die "Hamburger Schule"

Zwischenzeitlich begann die deutsche Astrologen-Szene immer weiter zu wachsen und sich zu organisieren. Im September 1922 fand in München der erste deutsche Astrologen-Kongress statt (der auch europaweit die erste derartige Veranstaltung war). Doch mit München hatte man den falschen Tagungsort gewählt, denn in Bayern gingen "die Uhren noch anders": die Polizei schlich sich inkognito in die Versammlung ein, führte anschließend Hausdurchsuchungen bei allen Astrologen der Münchner Region durch und beschlagnahmte das Protokoll der Versammlung alles unter Berufung auf den in Bayern damals noch gültigen "Gaukelei-Paragraphen", der das berufsmäßige Wahrsagen unter Strafe stellte. So kam es erst im Jahr darauf, auf dem 2. Astrologen-Kongress 1923 in Leipzig, an dem bereits 60 Astrologen teilnahmen, zu einem heftigen Streit über die vermeintlichen neuen Planeten von Witte und Sieggrün, die sich nun als epochale Reformatoren und Begründer einer "neuen Astrologie" gebärdeten. Tumultartige Szenen spielten sich ab und gegenseitige Beschimpfungen wie "Marmeladen- und Senf-Astrologe" machten die Runde. Willkür und Phantasterei seien Wittes anmaßende Hirngespinste, so der Berliner Astrologe Wilhelm Becker, während sich Sieggrün damit brüstete, über Wilhelm Hartmann sogar Kontakte zur Hamburger Sternwarte zu haben. Die im Gefolge auch schriftlich ausgetragenen heftigen Auseinandersetzungen füllten in den Jahren 1923-26 mehrere Hefte der Zeitschrift "Astrologische Blätter".

In Leipzig wurde versprochen, endlich eine systematische Darlegung der Methodik der "Hamburger Schule" zu veröffentlichen. Sie erschien 1925 als 64-seitiges Büchlein im Theosophischen Verlagshaus Leipzig mit Wilhelm Hartmann als Herausgeber. Dies zeigt, wie sehr Hartmann hier involviert war, zumal es sich bei dem mit "Die Hamburger Astrologen-Schule" überschriebenen Kompendium um die erste umfassende Darstellung der Witte-Astrologie überhaupt handelte. Im ersten Teil des Bandes gibt Hartmann eine ausführliche "Einführung in die astrologische Arbeitsmethode der Hamburger Schule", die eindrücklich dokumentiert, wie sehr ihm Astrologie unzweifelhaft schien, er sich mit der "Hamburger Schule" identifizierte und ihre Methoden von ihm selbst tagtäglich praktiziert wurden. Auf die "Transneptuner" kommt er hier allerdings nicht zu sprechen, diese werden erst von Friedrich Sieggrün im zweiten Teil des Bandes behandelt.

Parallel dazu stellte Hartmann im Rahmen seines Astronomie-Studiums eine sehr umfassende Literaturübersicht zusammen, welche Veröffentlichungen es bisher in der astronomischen Literatur zu eventuellen Planeten jenseits der Neptunbahn gab. (Der Aufsatz erschien 1926-27 in mehreren Teilen in den "Astrologischen Blättern", Hartmann ließ sich 1927 im Rahmen seiner Abschlussprüfungen an der Universität auch über das Thema "Transneptunische Planeten" als sein Spezialgebiet prüfen.) Dabei entdeckte er, dass unten den zahlreichen Spekulationen zu transneptunischen Planeten, die damals auch unter Astronomen üblich waren der deutsche Astronom Grigull bereits 1905 aus rein astronomischen Überlegungen heraus einen transneptunischen Planeten namens "Hades" auf einer Bahn postuliert hatte, die verdächtig genau mit den Angaben für den später von Witte behaupteten "Hades" übereinstimmte. Die Vermutung eines Plagiats durch Witte lag nahe.

Bruch mit der "Hamburger Schule"

Der eher zurückhaltende Hartmann scheute sich aber, eine so massive Unterstellung gegenüber Witte selbst vorzutragen. Er schickte einen anderen eng befreundeten Hamburger Astrologen vor, Wilhelm Wulff, der später Anfang der 40er Jahre zum Leib-Astrologen des SS-Reichsführers Heinrich Himmler aufsteigen sollte. Wulff trug 1926 auf dem 5. Astrologen-Kongress in Hamburg die wesentlichen Ergebnisse von Hartmanns Literaturrecherchen vor, was naturgemäß in einem Eklat endete. Witte stritt alles ab.

Der Distanzierungsprozess Hartmanns von der Hamburger Astrologenschule ging weiter, als er Wittes Planeten mit den leistungsstarken Fernrohren der Bergedorfer Sternwarte einfach nicht an den angegebenen Positionen finden konnte. Mit Billigung Hartmanns veröffentlichte Wulff in den "Astrologischen Blättern" schließlich noch eine Erklärung, in der es im Kern hieß: "Was und wer nennt sich nun eigentlich "die Hamburger Schule". "Die Hamburger Schule" ist lediglich eine von Herrn Sieggrün eingeführte Bezeichnung für die von ihm abgehaltenen astrologischen Unterrichtskurse, in denen nach Wittes Methoden gearbeitet wird, also kein Verein und keine größere astrologische Gemeinschaft. ... [Es hat sich aber] die Gepflogenheit eingeschlichen, nun alles, was aus Hamburg kommt, mit der "Hamburger Schule" in einen Topf zu werfen. Hingegen muss endlich einmal protestiert werden. ... Im Namen der übrigen bekannteren Astrologen hier in Hamburg (Herrn H. Frank, W. Hartmann, F. Langer) habe ich dann noch zu erklären, dass wir zwar die astrologischen Methoden des Herrn Witte kennen und zum Teil auch anwenden, durchaus aber nicht mit allem einverstanden sind, was Witte lehrt und schreibt."

Damit war der Bruch zwischen Hartmann und der Gruppe um Witte / Sieggrün da. Keineswegs hatte Hartmann den Glauben an Astrologie aufgegeben, aber er hatte gelernt, dass manches, was verschiedene Astrologen so behaupten, doch recht kritisch zu sehen war. Der biografische Anlass, der ihn überhaupt zur Astronomie geführt hatte, nämlich die Witte-Astrologie mit ihren "Transneptunern", war damit für ihn abgeschlossen. 1928 promovierte Hartmann an der Sternwarte in Hamburg-Bergedorf mit einer Arbeit des Titels "Beitrag zur Geschichte und Theorie der astronomischen Instrumente mit rotierendem Planspiegel und fester Reflexeinrichtung", unter Rückgriff auf seine Erfahrungen als Techniker.

Berufung nach Nürnberg

Als Hartmann dann 1929 die Leitung des Nürnberger Planetariums übernahm, war er 36 Jahre alt. Seine astrologischen Neigungen verließen ihn auch hier nicht: Schon 1930 fand im Planetarium eine Astrologen-Tagung statt, zu der er eingeladen hatte. Doch dann war er mit Aufbau und Einrichtung der zusätzlich zum Planetarium zu errichtenden Nürnberger Sternwarte so beschäftigt, dass er zu nichts anderem mehr kam, genauso 1933-1935 in der Repressionsphase durch die Nationalsozialisten, während des zweiten Weltkriegs und während der Wiederaufbauphase der Sternwarte in den 50er Jahren. Fast ständig wurde er getrieben von ihm auferlegten sehr arbeitsintensiven Aufgaben oder einschneidenden Veränderungen der Umweltbedingungen. Nur in der zweiten Hälfte der 30er Jahre und um 1950 herum vor der Wiedereinrichtung der Sternwarte konnte er sich etwas zurücklehnen und wandte sich in diesen beiden Zeitabschnitten dann auch tatsächlich wieder intensiv der Astrologie zu. Höhepunkt war die Veröffentlichung seines 1950 erschienenen Buchs "Die Lösung des uralten Rätsels um Mensch und Stern", in dem er eine "kosmische Impulstheorie" vortrug, wonach der Mensch im Augenblick der Geburt angeblich einem durch "planetare Impulse" bedingten heftigem Schock unterliege, der sich wie ein "kosmisches Engramm" in die Seele einpräge und im Horoskop erkennbar sei. Jene Prägung bleibe das ganze Leben lang bestehen und trete ständig in Resonanz mit aktuellen weiteren "kosmischen Impulsen". "Dass wir Menschen dauernd kosmische Impulse empfangen, die unser Handeln, Fühlen und Denken beeinflussen, ist für mich eine unerschütterliche Erkenntnis", erklärte Hartmann 1950 in diesem Buch. Das menschliche Leben und Geschehen sei, so Hartmann, nur verständlich aus einer Kombination der Einflüsse von Erbfaktoren ("Blut"), Umweltfaktoren ("Boden") und astrologisch verstandenen "kosmischen Rhythmen".

Natürlich bemerkte Hartmann, dass er mit solchen Ansichten gerade in astronomischen Kreisen rasch aneckte und auf heftigen Widerstand stieß. Er hielt sich deshalb als Astronom mit öffentlichen Verlautbarungen zur Astrologie in der Regel zurück und verwendete statt der Bezeichnung "Astrologie" lieber den 1914 von dem Wiener Arzt Friedrich Feerhow in der Zeitschrift "Astrologische Rundschau" eingeführten Ersatzbegriff "Kosmobiologie", der eine naturwissenschaftlich fundierte Horoskopdeutung suggerieren sollte bzw. zum Ziel hatte. Die intensive Beschäftigung mit der Astrologie und den festen Glauben an entsprechende Zusammenhänge sollte Hartmann aber bis an das Ende seines Lebens überzeugt aufrecht erhalten.

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